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Der Taucher

 

Lurleiberg (Ausschnitt), William Turner (1775-1851)

 

Unweit der Seven Hills, südlich den Rhein etlang, befindet sich der berühmte, sagenumwobene Felsen der Loreley. Viele Schiffe sind an jener Stelle des Rheins schon verunglückt und auf den Grund des Flusses gesunken. Manche glaubten es läge an der schönen Loreley, die ihr Haar kämmend auf der Klippe sitzt, andere wiederum vermuteten Meeresungeheuer in den ungewöhnlichen Rheintiefen dieses verfluchten Ortes. So kam es, dass der König der Seven Hills und sein Gefolge sich eines Tages an jener Stelle versammelten. Er sprach:

 

                               

»Wer wagt es, ob Rittersmann oder Knapp,
Zu tauchen in diesen Schlund?
Einen goldnen Becher werf ich hinab,
Zu hören der Schiffbrüche wahren Grund.
Wer mir den Becher kann wieder zeigen,
Er mag ihn behalten, er ist sein eigen.«

Der König, er spricht es doch alles schweigt still,
Bis ein herrlicher Edelsknapp,
Den Becher so scheint es gewinnen will.
Den Gürtel nun legt er den Mantel ab,
Und springt in die Flut, sodass über den Schwimmer
Der Rachen sich schließet, er zeigt sich nimmer.

Und stille wird's über dem Wasserschlund,
In der Tiefe nur brauset es hohl,
Und bebend hört man von Mund zu Mund:
»Hochherziger Jüngling, so fahre wohl!«
Doch plötzlich - wer glaubt es? - erscheint er wieder
Samt Becher kniet er vor dem König nieder!

Mein König gefall'n ist der Becher nicht tief
Ich hatt' ihn schon balde geholt.
Doch als ich da hing an des Felsens Riff
Ein schreckliches Monster mich fressen wollt'
Vor Schreck ließ ich los und mit rasendem Toben,
Erfasst' mich der Strudel doch riss mich nach oben!«

Der König darob sich verwundert schier
Laut spricht er: »Der Becher ist dein,
Und diesen Ring noch bestimme ich dir,
Geschmückt mit dem köstlichsten Edelgestein,
Versucht du's noch einmal und bringest mir Kunde,
Was du sahst auf des Rheines tiefunterstem Grunde.«

Das hörte die Tochter mit weichem Gefühl,
Und mit schmeichelndem Munde sie fleht:
»Lasst, Vater, genug sein das grausame Spiel!
Er hat Euch bestanden, was keiner besteht,
Und könnt Ihr des Herzens Gelüsten nicht zähmen,
So mögen die Ritter den Knappen beschämen.«

Drauf greifet der König den Becher und schnell
Ins Wasser ihn schleudert hinein:
»Und schaffst du den Becher mir wieder zur Stell,
So sollst du der trefflichste Ritter mir sein
Und sollst sie als Ehefrau heut noch umarmen,
Die jetzt für dich bittet mit zartem Erbarmen.«

Da ergreift's ihm die Seele mit Himmelsgewalt,
Und es blitzt aus den Augen ihm kühn,
Und er siehet erröten die schöne Gestalt
Und sieht sie erbleichen und sinken hin –
Da treibt's ihn, den köstlichen Preis zu erwerben,
Und stürzt hinunter auf Leben und Sterben.

Wohl hört man die Brandung, wohl kehrt sie zurück,
Sie verkündigt der donnernde Schall –
Da bückt sich's hinunter mit liebendem Blick:
Es kommen, es kommen die Wasser all,
Sie rauschen herauf, sie rauschen nieder,
Den Jüngling bringt keines wieder.


                                        - Friedrich Schiller
                                          Kürzung & Überarbeitung: Ariana Fay

 

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